|
Im Oktober 2004 brachen mein Bruder und ich zu einer dreiwöchigen Reise durch Marokko auf. Die Idee kam uns irgendwann einmal, wir waren nicht einmal sicher, wo Marokko genau liegt. Aber es gibt Berge, dachten wir, also Wanderschuhe an, Rucksack gepackt und los! Ziel war die Überquerung des Hohen Atlas von Süd nach Nord und die Besteigung des zweithöchsten Bergs in Nordafrika, des M'Goun (4.068m).
Unser Flug brachte uns nach Agadir, der Touristenmetropole an der marokkanischen Westküste, von wo aus wir mit Sammeltaxis an den Südhängen des Hohen Atlas entlang über Ouarzazate bis El Kelaâ fuhren. Zu Fuß ging es dann mit Zelt, Kocher und anderer Ausrüstung über das Gebirge bis wir auf der Nordseite einen Überlandbus nach Marrakesch erreichten.
Zugegebenermaßen, so reibungslos ging es nicht los: Es mussten Impfungen vorgenommen und Kartenmaterial besorgt werden. Außerdem haben wir uns extra für diese Reise einen mechanischen Wasserfilter zugelegt, aber dazu unten mehr. Das Kartenmaterial zu besorgen stellt für Marokko eine besondere Herausforderung dar: Neben dem obligatorischen Marokko-Reiseführer von Erika Därr waren wir dringend auf detailliertes Kartenmaterial des Hohen Atlas angewiesen. Ein erster Ansatz ist das Buch "Trekking in the Maroccan Atlas" von Richard Knight, das hilfreiche Wegbeschreibungen auf englisch enthält, dessen selbstgezeichnete Karten allerdings recht schwer zu lesen sind. Dieses muss deswegen in jedem Fall durch richtiges Kartenmaterial ergänzt werden, um sich nicht zu verlaufen. Wer dann noch mit dem Kompass umgehen kann, braucht nicht mal mehr ein GPS-Gerät. Hier schien uns "Kultur-Trekking im Zentralen Hohen Atlas" von Herbert Popp und Mohamed Ait Hamza von der Universität Bayreuth am ehesten geeignet.
Glücklichwerweise brauchen EU-Bürger für die Einreise nach Marokko kein Visum, sondern lediglich einen gültigen Reisepass (was man andersherum leider nicht behaupten kann). Nach der Ankunft in Agadir am Morgen mussten wir uns erst einmal orientieren und die Bushaltestelle finden, von der aus ein Bus Richtung Fern-Taxi-Verkehr bringt.
Taxis sind eines der beliebtesten Fortbewegungsmittel in Marokko, wobei man als Ausländer damit rechnen muss stets den doppelten Fahrpreis berechnet zu bekommen. Viele der Taxis sind alte, in Europa ausrangierte Mercedes Benz mit bis zu 800.000 Kilometern auf dem Buckel. Man quetscht sich üblicherweise zu siebt in ein Taxi (drei Personen vorne, vier hinten) oder sogar zu elft, wenn es ein Kombi ist. Das Gepäck kommt in den nicht schließenden Kofferraum oder aufs Dach. Es macht auf jeden Fall großen Spaß auf diese Art zu reisen, aber nach hunderten Kilometern durch die Wüstenlandschaft Südmarokkos waren wir froh, in El Kelaâ anzukommen. Das kleine Städtchen eignet sich hervorragend für die Süd-Nord-Überquerung des Hohen Atlas inklusive der Besteigung des M'Goun.
Die rund 10-tägige Überquerung führt durch wunderschöne Täler, vorbei an gewaltigen Felsformationen und durch kleine Berber-Dörfer. Die Berber begreifen sich als Ureinwohner Nordafrikas und legen häufig wert darauf, nicht mit der arabischen Mehrheitsbevölkerung in einen Topf geworfen zu werden. Auch die französische Sprache ist in den Bergen deutlich weniger verbreitet, als in den Städten Nordmarokkos - für uns war das mehrmals eine große Herausforderung. Trotz Verständigungsschwierigkeiten waren die meisten Leute ausprochen freundlich zu uns: Wir wurden mehrmals von der Straße weg privat eingeladen. In einem kleinen Dörfchen stehen wir an einer Wegkreuzung und sehen wohl etwas verloren aus, denn ein alter Mann winkt uns kurzerhand zu sich und winkt uns freundlich in dein Haus. Im Wohnzimmer, das aus wenig mehr als ein paar Plastikstühlen, Teppichen und einer Holzpalette als Tisch bestand, bekamen wir Tee und Fladenbrot. Obwohl wir nicht wirklich ein Wort wechseln konnten, lächelte uns der Mann freundlich an und nach ein paar Runden Tee zogen wir wieder unserer Wege.
Übernachtet haben wir überwiegend im Zelt. In den Bergen ist wildes Zelten unproblematisch (obwohl ich nicht weiß, ob es erlaubt ist). Die Besiedlung ist dünn und man bleibt meist ungestört, wenn man sich den richtigen Platz aussucht. Aufgrund der Trockenheit ist es besonders wichtig keinen Müll oder sonstige Reste zu hinterlassen, Toilettenpapier muss verbrannt werden. In größeren Siedlungen (>20 Hütten) gibt es manchmal kleine Herbergen (gîtes), wenn mal wieder ein festes Dach über dem Kopf nötig sein sollte. Auf fließendes Wasser oder gar Duschen nach europäischem Standard sollte man aber nicht hoffen. In Städten wie Ouarzazate und Marrakesch gibt es natürlich viele Hotels und Hostels, die besten davon werden in Erika Därrs Reiseführer empfohlen.
Die Wanderung bedarf der Bekleidung nach dem Zwiebelprinzip, denn von 30°C in El Keelâ bis -5°C unterhalb des M'Goun auf rund 3.000m Höhe muss mit allen Temperaturen gerechnet werden. Das bedeutet, von effektivem Sonnenschutz bis dicke Handschuhe und Schlafsack muss alles in den Rucksack. Bei uns war das die übliche Kombination aus Sport-Shirt, dünnem Flies, dickem Flies und Regenjacke. Als Schlafsack empfand ich meinen Yeti Daunensack mit 500 Gramm Federn als ausreichend. Frostbeulen sollten mehr einplanen :-)
Die herbstliche Trockenheit hat unseren Wasserfilter unersetzlich gemacht: Wir haben unser Trinkwasser fast ausschließlich direkt aus den Flüssen und Bächen geholt - für das eine mal, an dem wir Kartoffelbrei aus ungefiltertem Wasser gekocht haben, wurde ich mit tagelangem Durchfall bestraft! Lebensmitteltechnisch bekommt man in den Bergdörfern normalerweise problemlos Fladenbrot, Makrelen in der Dose und andere Köstlichkeiten. :) Am besten ist es also, Müsli, Kartoffelbrei- und Milchpulver und vor allem Nudeln dabei zu haben.
Ebenfalls unersetzlich ist ein vollgefüllter 1-Liter-Benzinkocher. Weil wir das vollfüllen vergessen hatten, mussten wir zum Ende der Überquerung die Spaghetti über Nacht in kaltes Wasser einweichen, damit der Sprit reicht. Von Gaskochern würde ich auf einer solchen Wanderung in jedem Fall abraten. Zwar sind die viel billiger, sauber und einfach zu bedienen, aber bei kalten Temperaturen verlieren sie rapide an Feuerkraft. Darüber hinaus kommt man im Zweifelsfall viel leichter an neues Benzin als an Gaskartuschen mit Spezialventil.
Die Besteigung des M'Goun (4.068m) startet man am besten von der auf dem Hochplateau (rund 3.000m) gelegenen, unbewirtschafteten Hütte. Von dort aus dauert der Aufstieg rund 5 Stunden, der Abstieg 3-4 Stunden. Wir sind deswegen schon früh morgens aufgebrochen, auch um dem tauenden Schnee zu umgehen. Als Ausrüstung genügten uns feste Wanderstiefel, stabile Wanderstöcke, Handschuhe, Mütze und natürlich eine Sonnenbrille. Der Aufstieg kann aber je nach Schneeverhältnis auch schwierig sein (wir hatten nur 5-10cm Schnee). In jedem Fall ist Erfahrung, Ausdauer, sehr gute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erforderlich, um den Gipfel sicher erreichen zu können. Den Weg findet man, wenn man sich an Richard Knight's Beschreibung hält. Bei schlechtem Wetter oder schlechter Sicht ist der Aufstieg unseres Erachtens tabu, weil die Orientierung extrem schwierig und die schmalen Pfade an steilen Hängen sehr gefährlich werden. Bei gutem Wetter wird man dafür mit einer grandiosen Aussicht über das südmarokkanische Flachland und die umliegende Gipfelkette belohnt.
Das Tolle an der Süd-Nord-Überquerung war für uns, dass man beim Absteig an den Nordhängen so sanft wieder in die Zivilisation zurückgeführt wird. Irgendwann trifft man auf befestigte Wege, größere Ortschaften und erste Taxis, von denen wir dann eines in die nächste Stadt genommen haben. Freilich ging auch diese Fahrt noch über atembraubende Serpentinen-Pisten, und da Freitag, liefen die ganze Zeit lautstark muslimische Gebetskassetten im Autoradio. :-) Weiter ging es per Überlandbus nach Marrakesch, wo wir uns ein paar Tage akklimatisieren konnten. Leider ist es dort schwer den Touristenmassen auszuweichen, aber wer Seitenstraßen nicht scheut, kommt auch hier auf seine Kosten.
Die Überquerung des marokkanischen Hohen Atlas und die Besteigung des M'Goun sind eine körperlich anstregende und kulturell faszinierende Reise. In den drei Wochen, die wir insgesamt unterwegs waren, habe ich viel Selbstsicherheit, Wissen über Marokko und seine Leute, sowie neue Kenntnisse über die Berge hinzugewonnen; verloren habe ich dagegen mehrere Kilo Körpergewicht. Ich würde diese Wanderung jederzeit wiederholen.
Kultur-Trekking im Zentralen Hohen Atlas Herbert Popp und Mohamed Ait Hamza
Unersetzliche Wanderkarte für alle, die auf eigene Faust in den Bergen unterwegs sind. Nicht, weil sie eine perfekte Wanderkarte wäre, sondern weil sie das beste war, was wir über den Hohen Atlas finden konnten. Führte uns sicher von El-Kalaâ bis auf die Nordseite des Altas. Mit farbig gekennzeichneten Wegen. 1:100.000.
|