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"Wachstum hat es im Markt für Outdoor-Produkte selbst in der Krise gegeben", schrieb die FAZ letzte Woche in ihrer Freitagsausgabe. Hersteller von Regenjacken, Wanderschuhen und Zelten erwirtschaften inzwischen hunderte von Millionen Euro pro Jahr, der Marktführer The North Face erzielte 2009 einen Umsatz von über 1 Mrd. Euro.
Was früher als kleine Hinterhof-Klitsche begann, sind heute globale Textilkonzerne mit Fabriken in Vietnam und China. Die größten Märkte sind derzeit die USA - und Deutschland: "Aus dem Straßenbild ist die Bergsteigerkluft kaum mehr wegzudenken", schreibt die FAZ etwas höhnisch, und erinnert damit (un)willkürlich an Leute mit riesigen Geländewagen, die damit die Innenstädte und Autobahnen doch nie verlassen.
Unabhängig davon hat diese Entwicklung des Marktes für Outdoor-Ausrüstung jedoch handfeste Folgen für den naturbegeisterten Kunden:
1) Die Öffnung des Segments für den Massenmarkt hat vermutlich auch die Ausrichtung der Hersteller verändert. Saßen früher ein paar wenige Outdoor-Begeisterte zusammen, um ein Zelt noch ein paar Gramm leichter zu machen, ohne dass es dabei im Himalaja weg geweht wird, stehen heute zusätzlich noch moderne Schnitte, Farbgebung und Marketing im Vordergrund. "Selbst über einen Anzug wird inzwischen eine Outdoor-Jacke getragen", kommentiert die FAZ trocken und legt damit den Finger in die Wunde. Denn die Eier legende Wollmilchsau gibt es nicht. Funktionskleidung, Zelte, Stiefel und Schlafsäcke sind hochspezialisierte Ausrüstungsgegenstände, die im Extremfall perfekt auf den Anwendungszweck zugeschnitten sein sollten. Sind sie es nicht, macht die Reise im besten Fall keinen Spaß, im schlechtesten Fall wird es brenzlig, wenn der Schlafsack nicht warm hält oder einem im Hochgebirge das Zelt um die Ohren fliegt.
Die Öffnung des Outdoor-Segments für den Massenmarkt bedeutet natürlich nicht, dass hochwertige Produkte ganz verschwinden. Sie sind aber im Zweifelsfall schwieriger von schwarzen Schafen zu unterscheiden. Weder der Markenname, noch der Preis können heute noch als zuverlässiger Indikator für angemessene Hochwertigkeit eines Ausrüstungsteils gelten (von wenigen Ausnahmen wie etwa Hilleberg oder Ortlieb einmal abgesehen). Durch die enorme Auswahl an auf den Massenmarkt zugeschnittenen Produkten wird es für den durchschnittlichen Expeditionisten sehr aufwendig, das richtige zu finden. Mehr denn je ist er/sie dabei auf Erfahrungsberichte anderer angewiesen.
2) Diese neue Vielfalt hat aber auch etwas Positives: Eine riesige Auswahl stellt natürlich auch sicher, dass für jeden etwas dabei ist. Der perfekt sitzende Schuh, der wie auf den eigenen Rücken zugeschnittene Rucksack, und Zelte in allen Konstruktionsweisen und Größen (die FAZ berichtet sogar von eingenähten Solarpanels, um unterwegs GPS-Geräte aufladen zu können; habe so etwas allerdings noch nie im Laden gesehen :-). Obwohl also die Auswahl schwieriger wird und die Gefahr, im Sportladen qualitativ unzureichende Ausrüstung aufgeschwatzt zu bekommen, steigt, sind am Ende die Outdoorer vielleicht doch glücklicher dran.
Die Zukunft liegt – wie bei so vielem – ohnehin in Asien: "Große Märkte wie China und Russland haben Outdoor noch gar nicht entdeckt", wird der Geschäftsführer von Sportscheck zitiert. Es bleibt abzuwarten, welche Kompromisse die Zelt-, Schlafsack- und Bergjacken-Hersteller eingehen müssen, um in diesem Ländern Fuß zu fassen...
"Draußen vor der Tür", Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21. Janauar 2011, Seite 19. |