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Wandern in der spanischen Sierra Nevada
Geschrieben von: Jan  |  Samstag, 01. Mai 2004

File0055Es ist der 23. März 2004. Den ganzen vorangegangenen Tag haben meine Schwester und ich mit der Planung der Reise und Besorgungen verbracht, um dann am späten Abend mit dem Packen zu beginnen. Die Reise soll uns nach Málaga führen, von wo aus wir uns den Fußmarsch in das rund 150 Kilometer nordöstlich gelegene Granada vorgenommen haben. Das Ziel: die Sierra Nevada - das südlichste Hochgebirge Europas - zu erreichen und darin zu wandern.

Nach nur zwei Stunden Schlaf machen wir uns...

...zum Flughafen auf, um am Vormittag völlig übermüdet in Málaga zu landen. Hier stellen sich uns, die wir ohne Spanischkentnisse gestartet sind, sofort neue Herausforderungen. Es gilt, den Weg in die City zu finden, um dort den kleinen Laden ausfindig zu machen, der die richtigen Wanderkarten anbietet. Mit etwas Glück schaffen wir nicht nur das, sondern erwischen auch auf Anhieb den richtigen Bus, der uns gen Osten aus Málaga herausbringt.File0044 Dummerweise steigen wir an der falschen Bushaltestelle aus. So ist es schon Nachmittag, als wir die touristischen Villensiedlungen der andalusischen Mittelmeerküste hinter uns laßen. Unerfahren wie wir sind, dauert es allerdings noch Tage, bis wir einigermaßen souverän mit den alten Militärkarten umgehen können... :-)

Auf dem Weg nach Norden werden die Hügel langsam immer höher, auch wenn die Landschaft trocken und staubig bleibt. Es wächst Busch und Strauch, Bäume gibt es wenig. Reizvoll ist es aber trotzdem, denn man blickt immer gebannt auf die Bergkette der Sierra de Almijara, deren bis zu 1.800m hohen Berge wenigstens auf nicht-Alpinisten doch recht Ehrfurcht einflößend wirkt.

File0046Am Abend vor dem "Einstieg" in die Bergkette entdecken wir das malerische Dorf Sedella, das sich förmlich an den Fuß der Berge kuschelt, und dabei so gemütlich wirkt, dass selbst auf der "Hauptstraße" Wohnzimmer-Feeling aufkommt. Leider haben wir wenig Zeit, hier zu verweilen. Die dunklen Wolken am Himmel drängen uns weiter, um außerhalb von Siedlungen einen Schlafplatz zu finden. Doch die Dunkelheit kommt schneller als erwartet, und weil uns unbekannte Berge bevorstehen, entschließen wir uns, einen denkbar ungünstigen Schlafplatz zu wählen: direkt am Wegesrand. Wir warten also mit dem Zeltaufbau bis es richtig dunkel ist, um am nächsten Morgen um 7 schon wieder zu verschwinden.

File0049Was aber folgt, ist ein ganzer Vormittag Wegsuche. Durch die pieksigen Büsche führen so viele Trampel- und Kaninchenpfade, daß es uns unmöglich scheint, den richtigen zu finden, der uns sicher auf die andere Seite der Sierra de Almijara führt. Völlig entnervt versuchen wir, uns an Höhenlinien und Bächen zu orientieren, was sich dank der unzähligen Rinnsale und Bergfalten als schwierig erweist. Gegen 1 Uhr mittags - wir haben uns, da wir noch nicht mal 2 km Luftlinie hinter uns bringen konnten, seelisch schon darauf eingestellt zurück nach Sedella zu laufen, einen Kaffee zu trinken und mit dem Bus nach Granada zu fahren - treffen wir endlich auf den richtigen Pfad. Und zu unserer Überraschung stellen wir fest, daß er sogar durch kleine rote Punkte markiert ist!

File0047Warum, das stellen wir einige Zeit später fest, als wir an einer Hüttenruine vorbeikommen - denn hier endet die Markierung, die Masse der Wege aber nicht. Also geht die Suche nach "dem richtigen" weiter. Aufkommender Nebel läßt uns dazu übergehen, uns nur noch an Höhenlinien und der Himmelsrichtung zu orientieren. Nach stundenlangem weglosen Wandern müssen wir feststellen, daß uns eine genaue Bestimmung des Standortes unmöglich ist. Wir stapfen durch einen Nadelwald, über dem der dichte Nebel hängt. Zugegebenermaßen bin ich verzweifelter, als meine Schwester, die mich unnachgiebig weiter in eine Richtung treibt. Sie scheint so sicher, daß früher oder später hier ein Weg kommen muss. Ich glaube ihr. Nach mehreren Stunden stehen wir plötzlich auf einer Lichtung, und dann auf einem unerwartet breiten Schotterweg. Es hat sich gezeigt (wie später noch öfter), daß Angst ein schlechter Begleiter auf Reisen ist.

File0051Wir folgen dem Weg, und haben gegen Abend keine Skrupel, auf einer wunderschönen Wiese direkt am Wegesrand unser Zelt aufzuschlagen. Schließlich ist unsere letzte menschliche Begegnung einen ganzen Tagesmarsch her. Dass es auf 1.600m kälter ist, als am Meer, haben wir erwartet. Daß wir aber unter einer 5cm hohen Schneedecke aufwachen würden, damit haben wir nicht gerechnet! Die nächste Überraschung sind die Pferde, die unserem schnellen Frühstück beiwohnen, und uns noch öfter auf dieser Reise begleiten werden.

File0053Der Abstieg ist schnell erzählt: Es regnet, der Schnee schmilzt an diesem lauen Tag und alles ist naß. Unser Zelt weist undichte Stellen auf, und die Luft ist so feucht, daß die Kameralinse beschlägt. Deshalb gibt es keine Fotos von der grandiosen Felslandschaft, durch die uns unser Weg führt. Die ersten Sonnenstrahlen sehen wir erst wieder zwei Tage vor Granada, wo auch wieder fotografiert werden will. Schlechtes Wetter und schlechtes Material (eben besagtes undichtes Zelt) trieben uns weiter Richtung Granada. Wir laufen zweieinhalb Tage auf einer Landstraße. Gelangweilt und mit schmerzenden Füßen finden wir rund 15 Kilometer vor Granada noch einen mehr schlechten als rechten Zeltplatz, weil wir den Rest einfach nicht mehr schaffen.

File0054Die schöne Stadt Granada können wir leider noch nicht so recht genießen, weswegen wir hier wiederum nicht fotografieren. Es gilt, so schnell wie möglich die Ausrüstung trocken zu kriegen, ein neues Zelt zu bekommen und die weitere Wanderung zu organisieren. Da man ja nicht irgendein Zelt kaufen möchte, entschließen wir uns dazu, uns eines aus Deutschland schicken zu lassen (an dieser Stelle nochmal herzlichen Dank an Sine in Frankfurt, die keine Mühen gescheut haben, damit wir innerhalb von 3 Tagen ein Exped Sirius in den Händen halten!).

File0055Während dieser drei Warte-Tage wagen wir - dank recht positiver Wettervorhersagen sogar mit undichtem Zelt - schon einmal einen kleinen Abstecher in die Sierra Nevada. Mit dem Bus fahren wir nach Güéjar Sierra, einem kleinen Ort etwa 20 Kilometer östlich von Granada. Von hier aus wandern wir entlang des traumhaften Rio Genil in die "High Mountain Area", wie sie auf einem Warnschild kurz hinter der letzten Gaststätte genannt wird. Die Berge ziehen uns fast magisch an, und wir sehnen uns danach, endlich höher zu steigen. Also suchen wir uns eine Route, die uns machbar erscheint, und uns auch zum richtigen Zeitpunkt zurück nach Granada führen würde.

File0056Unser Weg führt uns weiter das Genil-Tal hinauf, und von dort aus steil den Hang aufwärts. An solchen Hängen, mit 15kg auf dem Rücken, wird mir als nicht-Bergsteiger schon manchmal mulmig. Aber der Aufstieg auf 2.000m klappt annähernd problemlos. Hier, wo jetzt Ende März die Schneegrenze zu sein scheint, schlagen wir unser Zelt auf.

File0057Diese Nacht beginne ich richtig zu frieren. Mit wenig Erfahrung, wie man die Wärmeleistung von Körper und Schlafsack optimiert, komme ich auf 2.000m Höhe mit meinem Yeti Fighter (500gr. Daune, Komforttemperatur bis -6°C) an die Grenze des angenehmen Ruhens. Meine Schwester hat mit ihren 750gr. Daune erheblich weniger Probleme. Trotzdem entscheiden wir uns, bei weitgehend strahlend blauem Himmel unseren Plan, einen namenlosen, 2.453m hohen Gipfel zu erklimmen, und danach im parallel liegenden Tal zurück nach Granada zu stiefeln, durchzuführen.

File0058Das Wetter ist zwar gut, aber der Wind so kräftig, daß zumindest ich des öfteren den Gedanken an Umkehr hege. Ohne Weg kraxeln wir einen steilen Hang hoch. Der Wind drückt uns an den Fels und der Schnee wird immer tiefer. Fotos will ich nicht machen, bei dem Wind gebe ich meine Wanderstöcke nicht aus der Hand! Von unten sieht es immer so aus, als stehe der Gipfel unmittelbar bevor. Aber nach jeder Felskante kommt ein neuer Hang, der erklommen werden will...
File0059Eine kurze Pause mit Müsliriegel und Lagebesprechung. Meine kleine Schwester schwört wieder einmal ihren verunsicherten großen Bruder auf das Ziel ein. :-)

Und tatsächlich: am späten Vormittag stehen wir auf 2.483m neben einem Schild mit der Aufschrift "Parque Nacional". Um uns herum freilich viele höhere Berge. Meine Schwester vermerkt dazu im Tagebuch: "Der Ausblick [...] über die 3.000er-Region der Sierra Nevada ist atemberaubend und zeigt uns, daß unsere Grenze und die unseres Equipments deutlich unter 3.000m liegt."

File0061Denn der Abstieg gestaltet sich trotz guten Wetters schwierig. Der Schnee auf der anderen Seite des Berges ist hüfttief und wir haben weder Schneeschuhe, noch schneedichte Hosen. So ist es mehr ein schlittern und rutschen als ein gehen, wobei Unsicherheit vor Felsspalten unter der Schneedecke herrscht. Wir passen auf und entscheiden uns für einen sicheren, wenn auch beschwerlichen Weg ins Tal: Anstatt weglos durch den Schnee zu stapfen, folgen wir einem kleinen Bach. Hier bewähren sich die Lowa Stiefel hervorragend als Gummistiefel-Ersatz, denn wir wandern quasi einfach im Bach und wir kommen trotzdem trockenen Fußes im Tal an. Der Weg zurück nach Güejar Sierra ist auf guten Wegen leicht zu finden, und von dort nimmt uns der öffentliche Nachverkehr wieder mit zurück nach Granada.

File0063Endlich ein neues Zelt. Jetzt kann es von uns aus wieder regnen! Überwältigt von der Schneemasse im Gebirge entscheiden wir uns, es nocheinmal von der Südseite der Sierra Nevada - der Alpujara - zu versuchen. Wir nehmen also am nächsten Tag den Bus ins über 3 Stunden entfernte Trevélez, einem kleinen Städtchen auf 1.500m am ebenso benannten Rio. Von hieraus wandern wir wieder im Flusstal in die Berge - diesmal Richtung Norden.

File0065Am zweiten Tag stellen wir auf 2.400m enttäuscht fest, daß der Grat den wir zu wandern gedachten auf 2.900m unerreichbar für uns ist. Seit Stunden versinken wir unter glühend heißer Sonne im kniehohen matschigen Schnee und kommen kaum voran. Wir entscheiden uns am frühen Nachmittag umzukehren, und einen tiefer gelegenen Weg auf der anderen Hangseite des Tales zu nehmen. Aber auch hier hatten wir noch bis zum Abend mit matschig-naßen Schneemassen an steilen Hängen zu kämpfen, die uns in unangenehme Situationen brachten. Aber wie immer schätze ich die Lage präkerer ein als meine Schwester; vielleicht präkerer als sie war. Ein Schlafplatz mit traumhafter Aussicht belohnt uns für den harten Tag.

File0066Nachdem wir auch hier vom Schnee eingeschränkt wurden, machen wir uns am nächsten Tag auf den Weg zurück nach Trevélez. Am Nachmittag dort angekommen, entdecken wir östlich des Ortes eine Bergkette, die uns schneefreier vorkommt, und die uns - stiegen wir auf der anderen Seite wieder herunter - direkt auf einen ausgeschilderten Europa-Fernwanderweg führen würde. Gesehen, getan: wir steigen erneut auf und wandern über tolle, wüstenartige Hänge, vorbei an frei grasenden Kühen und trockenen Wiesen. Am Abend finden wir auf rund 2.100m einen schneefreien Bilderbuch-Zeltplatz in absoluter Stille und Einsamkeit.

File0067Am darauffolgenden Vormittag finden wir tatsächlich unseren annähernd schneefreien "Abschlußgipfel", denn uns blieben nur noch wenige Tage. Bei strahlendem Sonnenschein sitzen wir eine halbe Stunde oben auf dem 2.538m hohen "Pena de los Papos". Mit einem tollen Blick auf Trevélez und noch ein paar sehr entspannten Tagen auf dem Fernwanderweg, der uns wie ein File0070Spaziergang durch die kleinen spanischen Dörfer der Alpujara führt, verabschieden wir uns von der Sierra Nevada und machen uns mit dem Bus erst auf den Weg nach Granada und von dort aus zurück nach Málaga.

Begeistert von der grandiosen Bergwelt dieses "kleinen", aber überaus feinen Gebirges, verblüfft von der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Andalusier würden wir diese Tour auf jeden Fall nochmal starten, wären wir nicht schon da gewesen. Und heimlich zieht es uns dann doch irgendwie auf die 3.000er... ;-)

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 29. August 2010 um 16:09 Uhr
 

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For time to be meaningful, it needs to be filled by distance;

for distance to be meaningful, it needs to fill an appropriate measure of time.

A long trip like mine — timewise, I mean — requires a lot of distance to make the whole experience rise above standing on the roadside.

(Bruce Weber in the International Herald Tribune)

 
 
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